Zero Waste in Köln: „Wir brauchen einen Unverpackt-Laden“

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Ein Leben ohne Müll – klingt fast zu schön, um wahr zu sein, oder? Tatsächlich sieht der Alltag für viele Deutsche momentan anders aus. Allein rund 320.000 Coffee-to-go-Becher werden pro Stunde weggeworfen und es kommt noch eine Unmenge an Müll hinzu, den wir tagtäglich produzieren. Doch das will nicht mehr jeder: Der Zero Waste Lifestyle zeigt, dass es auch anders geht – keine Verpackungen, kein unnötiges Plastik, deutlich weniger Müll. Nach diesem Prinzip leben auch die Kölnerin Olga, die bald den ersten verpackungfreien Laden der Stadt eröffnen will. Denn für sie beginnt Zero Waste bereits beim Einkauf. Im Interview erklärt sie, warum man dort bisher an seine Grenzen stößt und weshalb Köln unbedingt einen Unverpackt-Laden braucht.

Olga, Gregor und Dinah (v.l.) wollen gemeinsam ihren Traum von einem müllfreien Laden in Köln realisieren.

Olga, Gregor und Dinah (v.l.) wollen gemeinsam ihren Traum von einem müllfreien Laden in Köln realisieren.

Eine Idee zu haben ist toll. Einen echten Plan zu haben, noch besser! Gemeinsam mit Ehemann Gregor und Freundin Dinah soll Kölns erster Zero Waste Laden im Sommer eröffnen. Dafür benötigen die drei eure Hilfe: Das Crowdfunding für „Tante Olga“ läuft aktuell und benötigt dringend noch Unterstützer. Schon mit kleinen Beträgen kann man mithelfen, dass Kölner künftig verpackungsfrei einkaufen können – und ein paar schöne Dankeschöns gibt es auch!

Hier könnt ihr die Aktion unterstützen und Köln ein Stückchen nachhaltiger machen!

Olga lebt Zero Waste bereits seit mehreren Jahren und hat ihr Leben Stück für Stück verpackungsfrei gestaltet. Auf ihrem Blog berichtet sie, welche Hürden sie dabei genommen hat, worauf man achten sollte und gibt Tipps und Tricks, wie man Zero Waste in den Alltag integrieren kann.

Olga, Was war deine Motivation, ein Leben ohne Müll zu führen?

Ich hatte das gleiche komische Gefühl, das auch andere kennen, denen Nachhaltigkeit am Herzen liegt: Man kommt vom Einkaufen nach Hause, packt alles aus und ist schockiert über den vielen Müll, der dabei anfällt. Doch obwohl man sich frag, ob Plastik wirklich so eine gute Idee ist, hat man auch keine wirklich Lösung parat. Schließlich bin ich in einer Zeitschrift auf das Stichwort  Zero Waste gestoßen und fand das sehr interessant. Ich war Feuer und Flamme und habe schnell angefangen, diesen Lebensstil umzusetzen.

Wie schwer ist die Umgewöhnung für dich gewesen?

Man stellt nicht von jetzt auf gleich alles um, das geschieht eher Stück für Stück. Wenn ein Produkt leer geht, tauscht man es aus und sucht langfristig nach Alternativen. Deshalb war die Umstellung nicht schlimm. Ich habe Zero Waste langsam in meinen Alltag eingebaut. Auch wenn einige Sachen etwas schwieriger waren. Auf manche Dinge muss man ganz verzichten, weil es sie eben nicht unverpackt gibt. Das war anfangs schwer, aber mittlerweile sehe ich das nicht mehr als Verzicht, sondern als eine bewusste Entscheidung, mit der ich völlig zufrieden bin.

Zu den Dingen, die ich gar nicht mehr kaufe, zählen zum Beispiel Schokoriegel – die gibt es für mich einfach nicht mehr. Oder auch alles aus der Kühltheke: Joghurts in Plastikbechern, eingeschweißter Käse oder andere Dinge, daran gehe ich direkt vorbei. Ich gehe im Supermarkt heute sofort in die Obst- und Gemüseabteilung, zu den Milchprodukte in Pfandflaschen und -gläsern und an die Brot- und Käsetheke. Dann bin ich sofort wieder raus!

Der positive Nebeneffekt: Man isst sehr gesund, da man viel Ungesundes wie Fertiggerichte gar nicht erst kauft.

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Sollte man das Thema Zero Waste konsequent zu 100 Prozent durchziehen?

Ich weiß nicht, ob das überhaupt nötig ist. Ich finde, auf das Thema Müll und Müllreduzierung muss niemand krampfhaft achten. Viel besser ist es, wenn jeder so viel macht, wie er kann. Je mehr Leute mitmachen würden, desto eher sind „kleine Ausnahmen“ kein Problem.

Warum braucht Köln einen Unverpackt-Laden?

Weil Köln keinen hat! Ich bin mit meiner Müllvermeidung sehr weit gekommen und habe die meisten Bereiche abgedeckt. Doch gerade das Trockensortiment in Bioqualität gibt es im normalen Handel nicht lose oder in Papier verpackt zu kaufen. Wir selbst kaufen momentan in Großgebinden ein, so dass unsere Wohnung wegen der vielen 25-Kilo-Pappsäcke fast aus allen Nähten platzt. Wir kennen viele Menschen, die sich auch so einen Laden wünschen und gerne so einkaufen wollen. Natürlich möchten wir den Laden „Tante Olga“ auch ein bisschen aus Eigennutz eröffnen, da wir einfach gerne selbst so einkaufen möchten, aber auch, damit es eine größere Wirkung erzielt. Wir wollen, dass möglichst viele Menschen so einkaufen können.

Was wird im Laden „Tante Olga“ ganz anders sein als in einem herkömmlichen Supermarkt?

Wir kaufen die Lebensmittel in Großgebinden ein und füllen sie dann in Ständer und Schütten. Der Kunde bringt seine Verpackung selbst mit. Das können Gläser oder Dosen sein, am Idealsten sind aber Stoffsäckchen. Die sind schön leicht und man kann sie gut in der Tasche verstauen. Unser Lebensmittelsortiment soll sich auf trockene Produkte in Bio-Qualität konzentrieren, da man die meisten anderen Produkte bereits unverpackt bekommt. Wir wollen uns hier um die Problemstellung kümmern, um das, was es noch nicht gibt. Neben den Lebensmitteln wird Tante Olga auch Non-Food-Produkte verkaufen. Das sind Dinge, die das Zero Waste Leben deutlich erleichtern, sei es es nun der Rasierhobel statt des Einweg-Rasierers oder auch Stofftaschentücher, Einkaufstäschchen, Menstruationstassen, Bambuszahnbürsten oder Haarwaschseife.

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Wie hat sich dein eigenes Einkaufsverhalten verändert, seit du Zero Waste umsetzt?

Sehr! Ich kaufe viel weniger ein. In den Drogeriemarkt gehe ich gar nicht mehr. Dort kann man als „normaler“ Konsument leicht 50 Euro lassen – das fällt bei mir nun komplett weg. Dafür musste ich mir bisher immer viele Spezialprodukte in unterschiedlichen Online-Shops zusammensuchen, da es die nicht immer überall gibt. Auch mit ein Grund, warum wir Tante Olga in Köln eröffnen wollen und bereits einen Online-Laden auf zerowasteladen.de gegründet haben. So kann man alles aus einer Hand anbieten und macht es auch für andere deutlich leichter, alle Produkte zu bekommen.
Durch diesen Lebensstil ist mein Einkauf viel günstiger geworden, so dass ich es mir nun leisten kann, alle meine Lebensmittel in Bio-Qualität zu kaufen. Hier gehe ich auf den Biomarkt und in Bioläden, in klassischen Discountern kaufe ich fast gar nicht mehr ein.
Klamotten, Elektronik und Haushaltsgegenstände bleiben dann noch übrig – hier versuche ich alles, was ich brauche, gebraucht zu bekommen und möglichst genau herauszufinden, was ich wirklich brauche. Mir ist wichtig, den Nutzungskreislauf der Dinge zu verlängern, weil unsere Gesellschaft ein sehr verschwenderisches Konsumverhalten hat – das möchte ich nicht mehr.

Welche Erkenntnisse hast du in den letzten Jahren mit Zero Waste gesammelt?

Ich habe festgestellt, dass das Leben viel mehr Inhalt haben kann. Es ist eine Form von Befriedigung, die wir in unserer Gesellschaft oft durch Konsum erzeugen. Wenn man das abgelegt hat, findet man Befriedigung in ganz anderen Dingen. Das empfinde ich als befreiend, so kann ich mich mehr auf die wesentlichen Dinge konzentrieren und habe nicht mehr den Drang, etwas unbedingt haben zu müssen. Das ist bei vielen fast schon eine Sucht, ein bisschen vergleichbar mit dem Rauchen. Auch hier fühlt man sich wie befreit, wenn man es geschafft hat, aufzuhören.

Was hat dir dabei geholfen, am Ball zu bleiben und nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen?

Gezweifelt habe ich nie daran, dass ich so leben möchte. Ich habe immer mal wieder Ausnahmen gemacht und mir Dinge erlaubt, die ich später bereut habe. Das ist aber völlig normal. Wichtiger ist es, sich hier wirklich Zeit zu nehmen und sich nicht verrückt zu machen, wenn man etwas nicht schafft. Bei mir war das immer wieder ein Auf und Ab. Doch für mich ist das kein Trend, sondern das, was ich leben möchte.

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Für dich ist nun noch eine neue Herausforderung hinzugekommen: Du bist frischgebackene Mutter. Welchen Einfluss hat ein Baby auf den Alltag, wenn man nachhaltig einkauft?

Wir haben klar gesagt, dass wir keine Kompromisse machen wollen. Die Stoffwindel ist für uns ganz klar gesetzt. Ich könnte in keinen Supermarkt gehen und Einweg-Windeln kaufen, das würde ich nicht über’s Herz bringen. Am Anfang war es für uns schwierig, mit den Windeln klar zu kommen – mittlerweile klappt das aber super! Es gibt durch ein Baby natürlich neue Herausforderungen und Aufgaben, doch vom Grundprinzip soll es nichts ändern. Wir haben auch kaum Neues gekauft, außer ein paar Stoffwindeln. Die meisten Babysachen haben wir gebraucht bekommen und wollen das Stück für Stück auch so weiterführen.

Hast du ein paar Tipps und Tricks für Einsteiger, die sich gerne mehr mit Zero Waste auseinandersetzen wollen?

Das Leichteste ist es, Einweg-Produkte durch dauerhafte Produkte oder Mehrweg-Produkte zu ersetzen. Davon haben wir auch einige im Laden, zum Beispiel einen Rasierhobel, bei dem man immer nur eine einzige Klinge auswechseln muss, die nicht in Plastik eingepackt ist. Oder auch Stofftaschentücher verwenden, statt Papiertaschentücher! Oder ganz einfach: den Lappen verwenden statt der Küchenrolle! Hier hat man auch die größte Kostenersparnis. Man sollte bei der Umstellung ganz langsam vorgehen und sich nicht überfordern.

Wie lange die Umstellung bei dir gedauert?

Das kann man so nicht sagen, weil es von Anfang an ein stetiger Prozess war, der auch weiterhin anhält. Ich würde von mir auch nie sagen, dass ich Zero Waste zu 100 Prozent umsetze. Auch bei uns fällt immer etwas Müll an. Bei manchen Dingen habe ich einfach noch keine Lösung gefunden, beispielsweise bei LED-Birnen und im Büro fällt auch immer noch viel Papiermüll an.
Ich weiß gar nicht ob es in unserer Gesellschaft anders geht. Null Müll ist eher eine Utopie und Zero Waste zu leben bedeutet ein stetiges Streben, sich dieser Utopie anzunähern.

Liebe Olga, vielen Dank für das Interview!

Ich finde die Idee eines eigenen Unverpackt-Ladens wie Tante Olga für Köln einfach toll und hoffe, das Projekt lässt sich realisieren. Dafür brauchen die drei eure Unterstützung!

Fotos: Tante Olga

5 Kommentare

  1. Hallo Leonie,
    ein sehr schöner Interview. Mich persönlich interessieren Themen rund ums „weniger Müll verursachen“. Ich finde es toll, dass die unverpackt-Läden langsam mehr werden. Auch in meiner Heimatstadt gibt es noch kein Unverpackt-Laden. Doch ich hoffe, dass sich das in einigen Jahren noch ändern kann. Ich selbst verzichte seit ein paar Jahren auf Plastiktüten im Geschäft und habe immer eine zusammen faltbare Stofftasche dabei, die so gut wie kein Platz in einer kleinen Handtasche benötigt und mir dabei oft eine große Hilfe war. Besonders wenn ich ganz spontan Lebensmittel einkaufen war. Inzwischen verzichte ich auch auf die PET-Pfandflaschen und interessiere mich immer mehr für Getränke in Gasflaschen. Nur auf meiner Arbeit gibt es immer noch die Plastikflaschen.
    Viele Grüße
    Natalie
    https://www.livolett.de

  2. Liebe Leonie!
    Merkwürdigerweise entdecke ich dieses fabelhafte Interview erst jetzt – was für ein tolles Gespräch! 🙂
    Ich verfolge die Entstehung des Tante-Olga-Ladens schon eine ganze Weile und freue mich, wenn es soweit ist. (Damit ist dann auch ganz egoistisch das Einkaufen abgesichert, falls ich ihn Köln doch irgendwann einmal meine Arbeits- und Wirkungsstätte finden sollte.) Und die Eigentümer sind mir nun gleich eine ganze Ecke näher gekommen und – ohne dass ich sie überhaupt kennen würde – sympathisch geworden.
    Es ist toll, wie viel sich in dem Bereich Müllvermeidung und Zero Waste gerade tut – eine richtige Aufbruchsstimmung bahnt sich an. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

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