Interview: Kölner Modelabel Trinkhallen Schickeria

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Alten Stoffen neues Leben einzuhauchen ist für die Kölner Mode-Designerin Lena eine Herzensangelegenheit. Seit rund zehn Jahren kreiert sie für ihr eigenes Label Trinkhallen Schickeria Damenbekleidung aus unterschiedlichsten Vintage-Stoffen. Slow Fashion und tragbare Stücke stehen für sie an oberster Stelle. Im Interview verrät die Designerin nicht nur, was sie an ihrem Job am meisten liebt, sondern erklärt auch, warum ihr Modetrends überhaupt nicht wichtig sind.

Wie kamst du auf die Idee, aus alten Stoffen etwas Neues zu kreieren?

Ich bin schon immer viel auf Flohmärkten unterwegs gewesen, weil man da viele spannende und inspirierende Sachen entdecken kann. Aus den Fundstücken etwas Neues zu kreieren hatte aber anfangs auch finanzielle Gründe – als ich angefangen habe, Sachen zu nähen, habe ich noch nicht einmal studiert und hatte wenig Geld. Da war es natürlich super einfach, Vintage-Bettwäsche zu kaufen und direkt aus den vier Metern Stoff ohne viel Geld etwas zu nähen. Außerdem liegt es vielleicht auch an meiner Erziehung: Ich denke, dass man einfach nicht immer Neues muss.

Wie ist aus deiner Liebe für Flohmarkt-FundstÜcke ein Label entstanden?

Zu Beginn habe ich nur für Freunde Vintage-Kleidung umgenäht. Das fand immer mehr Anklang und schließlich gab es auch Läden, die Interesse daran hatten, meine Stücke zu verkaufen. Vor zehn Jahren ist dann der Name Trinkhallen Schickeria entstanden. Seitdem arbeite ich unter diesem Namen, damit hätte ich nie gerechnet. Nach meinem Modedesign-Studium wollte ich unbedingt wissen, ob ich davon leben kann und habe mich selbstständig gemacht. Das war eine unglaublich schöne Zeit, ich musste aber schnell feststellen, dass es mit meiner Vorstellung davon nicht so einfach funktioniert. Denn ich möchte möglichst viel bereits Bestehendes verwenden und ich möchte gerne alles hier in meiner Werkstatt in Köln produzieren. Deshalb sind natürlich auch alle Teile Einzelstücke, die man dann wiederum nicht gut an Läden verkaufen kann, weil sie nicht ordern können. Auch auf Messen zu gehen ist schwierig. Es funktioniert einfach alles ganz anders als bei „normalen“ Modelabels.

Neben ihrer Arbeit als Mode-Designerin hat Lena Schröder auch einen Vintage-Laden in Köln mitgegründet und gemeinsam mit Freunden den Super Markt ins Leben gerufen: Der Super Markt ist eine Plattform für Design, Kreativität und Selbstgemachtes, entstanden aus dem Wunsch heraus, die eigenen Kreationen gemeinsam zu verkaufen. Aus dieser Idee entwickelte sich in den letzten Jahren aus dem regelmäßigen Hinterhof-Verkauf ein spannendes Event für Kreative und Designer. Seit kurzem ist Lena außerdem Inhaberin der Kölner Kleiderei und bietet in ihrem Ehrenfelder Ladenlokal nicht nur ihre Stücke der Trinkhallen Schickeria zum Verkauf an, sondern hat dort einen großen Fundus an Damenbekleidung zum Ausleihen. trinkhallen-schickeria-lena

Du hast gerade schon verraten, dass du anfangs nie gedacht hättest, dass du den Namen deines Labels so lange behältst, aber er hat sich durchgesetzt. Was steckt hinter „Trinkhallen Schickeria“?

Der Name ist ja schon ein bisschen ungewöhnlich. Es war ein bisschen aus der Not heraus geboren: Ich hatte Produkte und Läden wollten sie kaufen, ich brauchte also einen Namen. Ich mag den Gedanken einer Gang: Ich komme aus der Nähe von Frankfurt und dort gibt es viele Trinkhallen. Man hing dort am Kiosk ab, trank Bier zusammen und hatte eine gute Zeit. Trinkhallen Schickeria ist für mich das Sinnbild einer Gang, die gemeinsam eine gute Zeit hat. Ein bisschen bekloppt, aber witzig. Und er ist bis heute geblieben.

Welchen Stellenwert hat Mode denn für dich?

Eigentlich ist mir Mode im Sinne von Trends total egal. Ich finde es schön, Leute zu sehen, die sich außergewöhnlich anziehen, experimentierfreudig sind und etwas Besonderes machen. Manche Outfits sind ja schon fast kleine Kunstwerke. Ich gucke mir das wahnsinnig gerne an und habe daran großen Spaß, ich selbst bin aber gar nicht so mutig, was das angeht. Ich hasse es, viel Aufmerksamkeit zu bekommen und trage eher zurückhaltende Sachen. Für mich ist es wichtig, dass Sachen bequem und unkompliziert sind und man alles damit machen kann. Wenn man spontan Lust hat, etwas zu erleben, dann will ich keine hohen Schuhe anhaben, die mich von irgendetwas abhalten. Stell dir vor du verpasst die Bahn zu deinem Lieblingskonzert, weil du in deinen Heels nicht mal 50 Meter rennen kannst. Horror! Aber vielleicht sind hohe Schuhe auch einfach nur was für Menschen mit guten Zeitmanagement. (lacht)

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Fotos: Trinkhallen Schickeria

Du hast früher viel selbst auf Flohmärkten geguckt. Woher stammen heute deine Stoffe?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe einige Kontakte, über die ich Vintage-Kleidung beziehe. Außerdem kooperiere ich auch mit Vintage-Emde in Köln, die einen sehr großen, tollen Vintage- Laden haben und aus ganz Europa große Mengen an Vintage-Kleidung aufkaufen. Darunter aber auch oft Sachen, die sie so gar nicht verwenden können. Deshalb ist das sehr praktisch: Sie sortieren aus und ich kann das noch einmal verwenden, was sie aussortieren. So wird sehr wenig davon weggeworfen.

Was machst du genau aus den Stoffen, wenn du sie gefunden hast?

Ich mache nur Damenkleidung, darunter viele Blusen und Co. Bei vielen Dingen sieht man auch noch, was es ursprünglich einmal war. Bei den meisten Damenblusen erkennt man, dass sie früher Herrenhemden waren. Auch bei einigen Kleidern ist das erkennbar, hier kombiniere ich oft mehrere Herrenhemden. Es gibt auch Jäckchen, bei denen man nur erkennt, dass das Revers von einem Blazer stammt. Bei anderen Dingen erkennt man allerdings überhaupt nicht mehr, was es einmal war. Ich habe hier zum Beispiel Kimonojacken, die einmal große Faltenröcke waren. Sie wurden aufgetrennt, gewaschen und ein ganz eigener Schnitt daraus genäht. Hier sieht man nicht mehr, wie sie früher aussahen, aber es handelt sich um ganz hochwertige, alte Wollstoffe, die jetzt ein ganz neues Leben haben.

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Wie ist dein Ablauf, wenn du ein neues Stück nähst?

Ich sammle erst einmal die Stoffe. Irgendwann fügen sich dann zwei Sachen so zusammen, dass es für mich wieder Sinn macht und eine Idee entsteht. Dann kombiniere ich das und mache etwas Neues daraus. Jedes ist ein Einzelstück, da man auch immer warten muss, bis man wirklich Stoffe findet, die zusammenpassen. Ich sammle hierfür auch viele Stoffe, deshalb habe ich auch so ein großes Lager.

Ist dir das Thema Trend beim Designen deiner Klamotten wichtig?

Eigentlich ist mir das Thema Trend nicht besonders wichtig. Ich habe momentan zwar auch einige der Blusen etwas kürzer gemacht, weil man gerade cropped Shirts trägt. Aber es ist nicht mein Anliegen, ein trendiges Design zu machen, sondern es geht mir eher darum, aus dem Bestehenden etwas Neues zu machen – und das muss nicht unbedingt das sein, was gerade der „heiße Scheiß“ ist.

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Fotos: Trinkhallen Schickeria

Was magst du an deiner Arbeit als Kreative und Designerin besonders gern?

Eigentlich mag ich fast alles. Ich mag es vor allem, viel Abwechslung zu haben. Wir nähen hier viel, ich gehe aber auch viel auf den Flohmarkt. Ich mag manchmal sogar das Wäschewaschen, weil das so ein Tag ist, an dem man gar nichts denken muss. Ich habe hier einen sehr vielfältigen Alltag: Nähen, Kundenkontakt und Veranstaltungen. Da wird es nie langweilig!

War für dich der Schritt in die Selbstständigkeit sehr schwierig?

Ich dachte nie, dass das auf jeden Fall klappen wird! Ich hatte aber auch nicht besonders viel Angst, wobei ich nicht sagen kann, woran das lag. Stattdessen hatte ich einfach total Lust darauf und mein Gefühl sagte mir: Ich muss das machen! Es ist zwar sehr anstrengend und ich denke manchmal auch, dass ich mich geradezu selbst ausbeute, denn es gibt immer wieder Phasen, in denen ich jeden Tag vierzehn Stunden arbeite. Aber dann weiß man auch, wofür man es macht. Man kann alles genauso machen, wie man es gerne hätte und wie man es für richtig befindet, mit den eigenen Werten und dem eigenen Idealismus. Nur so macht es mir Spaß.

Liebe Lena, vielen Dank für das Interview!

Da es sich bei den Designs von Lena, wie bereits erwähnt, um individuelle Einzelstücke handelt, empfiehlt es sich, bei Interesse einfach persönlich im Atelier von Trinkhallen Schickeria vorbeizusehen und die Kleidungsstücke direkt vor Ort anzuprobieren. Ihr findet ihre Räumlichkeiten auf der Venloer Str. 459 (50825 Köln). Bei dieser Gelegenheit könnt ihr euch dann direkt auch noch durch die Kleiderstangen der Kleiderei gucken.

3 Kommentare

  1. Liebe Leonie,
    das ist einen ganz toller Interview. Die Fragen hast du sorgfältig ausgesucht und das Interview interessant erstellt. Jetzt habe ich Lust bekommen, mal wieder nach Köln zu fahren. Wird ja mal wieder Zeit für mich 🙂
    Viele Grüße
    Natalie
    https://www.livolett.de

  2. Sehr spannendes Interview. Es ist einfach großartig, dass es genau solch kreative und innovative Menschen gibt, die zudem den Mut haben, ihre Ideen umzusetzen. Ein Besuch bei Lena ist gesetzt!

  3. Super Beitrag!
    Ich habe ein Teil von Trinkhallen Schickeria in Hamburg in der B-Lage erstanden und es ist eines meiner Lieblingsteile!
    Das Beste ist natürlich, dass man weiss, dass es etwas besonderes ist und nicht jeder dieses tolle Teil im Kleiderschrank hat.

    Liebe Grüße von

    http://kissthemuse.com

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