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Minimalismus: Warum wenig Konsum glücklich macht

Warum Minimalismus gluecklich macht

Hallo, liebe Leser*innen von Glowing!
Ich habe heute die Ehre, euch anstelle der lieben Leonie ein paar Worte zu schenken und ein paar Gedanken mitzugeben – auf dass sie euch ein wenig inspirieren und zu eigenen gedanklichen Reisen anregen.

Wer ich überhaupt bin, möchtet ihr erfahren?

Ich heiße Jenni und blogge mit Leidenschaft auf „Mehr als Grünzeug!“ über Veganismus, nachhaltiges Leben und Zero Waste. Meine Passion ist es, in meiner bescheidenen Küche wundervolle pflanzliche Rezepte zu entwickeln, die nicht nur lecker schmecken, sondern außerdem auch gesund sind. Nebenbei mache ich mir ein paar Gedanken – zu Ethik, Konsum, Nachhaltigkeit und anderen Dingen.

Zum Beispiel zum Minimalismus.

Ich weiß, ich weiß – das Thema ist aktuell sehr en vouge. Vielleicht könnt ihr es auch nicht mehr lesen – jetzt werden plötzlich überall Wohnzimmer ausgeräumt, Keller entrümpelt und Capsule Wandrobes aus dem Boden gestampft.

Wozu das Ganze eigentlich? Warum macht man das – warum machen so viele Leute sowas? Sind die jetzt alle ein bisschen weltfremd geworden – um es vorsichtig und nett zu formulieren? Oder ist das gerade einfach nur der neueste Hype, auf den jeder, der auch schon bei der Hipster-Jutebeutel-Bewegung mit dabei war, aufspringen möchte?

Das abstrakte Ding namens Glück

Die gute Nachricht: Minimalismus ist sicherlich auch ein Trend, ja. Aber ein begründeter. Seine Logik liegt verborgen in einem ziemlich abstrakten Begriff, von dem niemand so genau weiß, was er eigentlich bedeutet: Glück.

Wenn wir uns vorstellen, wir zögen mit einem Mikrophon bewaffnet durch die Einkaufspassage einer beliebigen Stadt und würden die Menschen, die wir dort treffen – quer durch alle Bevölkerungsschichten – fragen, was denn für sie eigentlich „Glück“ sei – wie viele unterschiedliche Antworten würden wir bekommen!

  • „Dass es mir und meinen Kindern gut geht.“
  • „Gesundheit. Dass wir alle gesund bleiben.“
  • „Ein Dach über dem Kopf. Was zu Essen und zu Trinken.“
  • „Einen Partner zu haben.“
  • „Meine Familie.“
  • „Sich alles leisten zu können.“
  • „Urlaub am Strand.“
  • „Ein neues XBOX-Spiel zum Geburtstag geschenkt bekommen.“

Für sie alle – für jede und jeden aus unserer imaginären Stichprobe – wäre Glück etwas Anderes. Vielleicht kämen einige von ihnen auf einen gemeinsamen Nenner, vielleicht definierten sie dieses Wort ähnlich – oder zumindest vergleichbar. Aber jede Antwort wäre doch noch immer so individuell wie ihr Besitzer.

Interessanterweise gibt es eine Forschung, die sich genau mit solchen Fragen auseinandersetzt: Was macht die Menschen eigentlich glücklich? Und: Was ist Glück überhaupt? (Nein, das sind nicht dieselben Fragen – auch wenn sie sich zunächst ähnlich anhören!)

Der Ursprung dieser Forschung reicht bis in die europäische Antike zurück und kann unter anderem mit so klangvollen Namen wie Aristoteles aufwarten. Für den griechischen Philosophen und Naturforscher war Glück ganz einfach eines: das summum bonum – das höchste Gut und letzte Ziel im Leben eines jeden Menschen.

Wenn wir tief in uns gehen, leuchtet uns diese Aussage eigentlich ein, oder? Was erwarten wir vom Leben – ganz allgemein gesprochen -, wenn nicht: Glück? Warum stehen wir jeden Morgen auf, arbeiten, arbeiten noch mehr, häufen Geld, Vermögen, Kapital an – und wiederholen das Ganze praktisch unser Leben lang? Wir möchten einen guten Job haben, einen festen Partner/eine feste Partnerin (jedenfalls im Regelfall), vielleicht irgendwann eine Familie, auf jeden Fall aber ein stabiles Sozialgefüge, auf das wir uns verlassen können und das uns auffängt. Wir möchten eine schöne Wohnung, genug Geld, um ums dieses und jenes leisten zu können, Freiraum, unseren liebsten Beschäftigungen nachzugehen. Aber was sind das eigentlich alles für Ziele – wenn nicht Zwischenstationen zum allergrößten Ziel überhaupt: dem Glück?

Wobei: Werden wir hier nicht bereits ungenau? Kann man eigentlich immer und überall vom selben „Glück“ sprechen? Oder gibt es vielleicht unterschiedliche Arten von „Glück“?

Das ist eine Frage, die die Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Glück und allem, was dazugehört, beschäftigen, wohl am meisten umtreibt: Wie bekommen man einen so waberigen Begriff zu fassen?

Einige meinen: Ach, ist doch egal. Es gibt Glück und fertig.

Andere sehen das etwas differenzierter: Es gibt Glück im Sinne einer positiven und andauernden Lebenseinstellung. Aber auch Glück im Sinne eines vorübergehenden Genusses (wenn wir beispielsweise ein gutes Buch lesen). Und Glück im Sinne eines momentanen Wohlbefindens – alle meine grundlegenden Bedürfnisse sind befriedigt und ich brauche nichts Weiteres mehr.

Es gibt Forscher*innen, die das alles noch differenzierter sehen – aber das soll uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen. (Wen es doch interessiert, der oder die mag unten in den Quellenangaben weiterlesen.)

Der springende Punkt ist: Glück ist nicht gleich Glück. Und deswegen ist es für unsere Zwecke wichtig, einmal kurz klarzubekommen, welches von diesen vielen Glücken wir eigentlich meinen, wenn wir davon sprechen, dass Minimalismus und Glück irgendwie zusammenhängen.

Ich möchte für unsere Beschäftigung mit dem Glück und dem Minimalismus folgende Glücks-Definition zugrunde legen:

„Die Glücksforschung versteht unter Glück das subjektive Wohlbefinden eines Menschen. Dabei geht es einerseits um unsere Gefühle im Alltag, das emotionale Wohlbefinden – und andererseits um die Zufriedenheit mit dem Leben insgesamt, das kognitive Wohlbefinden.“ (Karlheinz Ruckriegel)

Die Schnellen unter euch haben gesehen: Hier wird geschummelt. Zwei verschiedene Glücks-Arten werden in eine Definition gepackt! Das individuelle Wohlbefinden und die allgemeine positive Lebenseinstellung sollen hiernach also richtiges Glück bedeuten. Wenn beides zusammenkommt, können wir mit Recht von einem „glücklichen“ Menschen sprechen.

Minimalismus: Das Mehr im Weniger

Der Clou an der ganzen Geschichte (und der Grund, weshalb ich sie euch überhaupt erzähle) ist nun dieser hier: Die Glücksforschung hat herausgefunden, dass Geld und Besitz so ziemlich zu den letzten Dingen gehören, die uns dauerhaft – im Sinne eines positiven Lebensgefühls – glücklich machen.

Es gibt sechs Faktoren, die ausschlaggebend dafür sind, dass wir uns glücklich im Sinne unserer obenstehenden Definition fühlen: gesunde soziale Beziehungen (Freunde und Familie), Gesundheit, eine befriedigende Tätigkeit, persönliche Freiheit, die innere Einstellung – und erst dann kommt das liebe Geld. Und das auch nur in einem Umfang, in dem es uns einen „angemessenen Lebensstandard“ ermöglicht – mit Dach über dem Kopf, ausreichend Nahrung und der Möglichkeit, unsren grundlegenden persönlichen Bedürfnissen nachzugehen. (Ja, diese Definition ist ihrerseits etwas schwammig, aber um zu erörtern, was für wen nun „angemessene Lebensumstände“ bedeutet, müsste man eigenen eignen Artikel schreiben.)

Wenn wir nun davon ausgehen, dass an den Faktor „Geld“ auch immer das gekoppelt ist, was man damit erreichen kann – nämlich, sich materielle Güter anzuschaffen -, dann heißt das im Klartext: Konsum macht nicht glücklich. Jedenfalls nicht in der Form, wie er in den westlichen sogenannten Industrienationen in den letzten Jahrzehnten propagiert und praktiziert wird.

„Soll die menschliche Evolution weitergehen, müssen wir auf die eine oder andere Weise lernen, uns an unserem Leben intensiver zu freuen. […] Wegzukommen von der irrigen, aber im Westen so gängigen Meinung, dass der Mensch seine Lebensziele am zuverlässigsten und überzeugendsten in materiellen Begriffen ausdrücken sollte – das liegt mir sehr am Herzen.“ (Mihaly Csikszentmihalyi, 2006)

Und genau das hat der scheinbare Trend des Minimalismus erkannt.

Konsum macht nicht glücklich. Deswegen reduzieren wir ihn. Und unsere Gegenstände. Und achten auf das, was uns wirklich glücklich macht, stellen solche altmodischen Dinge wie Familie, Freunde, Trödelmarkt-Sachen, die gefühlte Jahrhunderte halten, reduzierte Einrichtung und dergleichen in den Vordergrund. Darum gehen wir an Mode-Boutiquen vorbei, die nur auf schnelllebiges Kaufen aus sind, auf Grabbeltisch-Kunden, auf die nächste Saison hin werben und uns immer wieder in die klebrige Falle des unnötigen Geldausgebens locken wollen – immer mit dem Glücksversprechen in der Hinterhand.

Minimalisten haben die Industrie durchschaut. Und ihre ganz persönliche Antwort auf diesen Konsumwahnsinn zum Lebensstil erklärt.

Und indem sie über diesen Lebensstil schreiben, ihn mit Bildern auf sozialen Netzwerken teilen und sich vernetzen mit anderen Menschen, die einen ähnlichen Blick auf die Welt haben, erhöhen sie nicht nur ihr individuelles, sondern vielleicht auch das Glück der anderen: indem diese sich für sie freuen – und vielleicht auch nachdenken und mitziehen beim großen Lebensprojekt des Minimalismus. Auf dem Weg zum Glück.

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.“
(Goethe)
Quellen:

http://www.nationalgeographic.de/aktuelles/was-macht-eigentlich-ein/was-macht-ein-gluecksforscher
https://www.th-nuernberg.de/fileadmin/Hochschulkommunikation/Publikationen/Sonderdrucke/38_ruckriegel.pdf
http://www.ruckriegel.org/papers/Gluecksforschung_wisu_8_9_2010.pdf
http://www.gluecksinstitut.eu/index.html
http://www.oecdbetterlifeindex.org/de/#/11111111111